Studie: Langzeitüberleben und Aktivität der RIT (Verburg 14)
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Harald.
Leitungsteam SHG Berlin follikulärer SD-Krebs 1997 (oxyphil), Zungengrundkrebs 2024
Studie: Langzeitüberleben und Aktivität der RIT (Verburg 14)
Studie: Langzeit Überleben beim differenzierten Schilddrüsenkrebs ist schlecht nach einer geringen Aktivität bei der ersten postoperative Radioiodtherapie sowohl in der hoch- und der niedrig-risiko Patientengruppe (Verburg 2014)
Original Titel:
Long-term survival in differentiated thyroid cancer is worse after low-activity initial post-surgical 131I therapy in both high- and low-risk patients.
Autoren:
Frederik A. Verburg, Uwe Mäder, Christoph Reiners, and Heribert Hänscheid
in:
J Clin Endocrinol Metab, December 2014, 99(12):4487–449
doi: 10.1210/jc.2014-1631
Hallo,
diese Studie von Verburg et.al. (2014) ist eine Auswertung des Schilddrüsenkrebsregister der Universität Würzburg, welches Daten von Schilddrüsenkrebspatienten die an der Klinik seit 1980 behandelt wurden, erfasst.
Patienten:
In dieser Studie wurden Daten bis 2008 eingeschlossen, um mindesten eine Nachsorgezeitraum von 5 Jahren zu haben.
2/3 der Patienten wurden ausgeschlossen, weil es die Patienten von außerhalb kamen, und die erste Therapie nicht ausreichend dokumentiert war. 272 Patienten mit Mikrokarznom (<1cm), die keine Radioiodtherapie (RIT) erhielten, wurden ebenfalls ausgeschlossen.
Es blieben 1298 Patienten, die ein oder mehr RIT bekamen, und in deren Daten in der Studie ausgewertet wurden.
Welche Aktivität bei der RIT gegeben wurde änderte sich über die Jahre an der Uniklinik Würzburg:
- bis 1990: 2600 MBq = 70 mCi
- Mai 1990 bis Oktober 1997: 1000 MBq = 27 mCi
- ab Juni 1996: 3.500 MBq = 95 mCi
Wobei welche Aktivität der Patienten letztlich bekam, abhängig war von der Präferenz des Arztes, des Uptake vor der RIT und der Risikoeinstufung des Patienten nach der Operation.
Aufgrund dieser unterschiedlicher Strategien bei der Aktivität wurden die Daten des Registers neu ausgewertet, bzgl. vollständiger Remission (=complete remisssion = CR; hier in Würzburg definiert als nicht-nachweisbarer TSH-stimulierter Thyreoglobulin (Tg), unauffälliger Ultraschall und unauffällige Ganzkörperszintigraphie).
Von den 1298 Patienten wurden 125 ausgeschlossen, weil diese Patienten nicht mehr die Nachsorge in Würzburg machten.
333 Patienten (ca. 28%) hatten nie eine vollständige Remission (CR) nach obiger Definition und wurden auch aus der Studie ausgeschlossen.
Die Patienten wurden dann eingeteilt in
- low risk – pT1-2, ohne Lymphknoten (N0) und Fernmetastasen (M0) (siehe FAQ: Schilddrüsentumor-Klassifizierung nach TNM)
- high risk – pT3-4 oder Metastasen (diese Einteilung entspricht der der europischen Leitlinie aus dem Jahr 2006)
Diese beiden Gruppen, wurden dann noch unterteilt hinsichtlich ihres Alters (<45 Jahre bzw. >45 Jahre).
Die verabreichten Aktivitäten wurden in 3 Gruppen unterteilt:
Die wichtigsten Ergebnisse nach Verbrug sind u.a.:
- Eine Aktivität von < 2000 Mbq hat eine geringere Erfolgsrate bezüglich einer vollständigen Remission, und führt umgekehrt zu einer höheren Anzahl von RIT und einer höheren Gesamtaktivität.
Im Diskussionsteil des Artikels wird dieses Ergebnis jedoch wieder von Verburg relativiert. - Bei älteren, hoch-risiko Patienten zeigte sich, dass bei einer Aktivität von <2000 MBq die Rezidivrate signifikant höher war.
(siehe auch Diskussion) - Eine höhere Schilddrüsenkrebssterblichkeit in der low- als auch in der hoch-Risikogruppe bei Patienten, die älter als 45 Jahre waren zum Zeitpunkt der Diagnose, wenn die Patienten ein Aktivität < 2000 MBq bekamen, statt einer höheren Aktivität (siehe auch Diskussion)
Im Diskussionsteil des Artikel werden diese Ergebnisse von Verburg relativiert, weil
- Definition und Bedeutung, was eine vollständige Remission ist.
Die beiden randomisierten Studien: Niedrig dosierte RJT und rhTSH in der Ablation aus England (HiLo) und Frankreich (ESTIMABL) befinden ein stimutlierten Tg-Wert von 1-2ng/ml als ausreichend.
Ob Tg oder auch geringe Reste in der Bildgebung immer ein adäquater Tumormarker (Surrogat) für die Lebensbedrohung des Schilddrüsenkrebs ist, ist unklar. - Ausmaß/Qualität der Schilddrüsenoperation hat sich über die Jahre verändert
- Selektion der Patienten bzgl des Uptakes (0,1-0,2%) für eine niedrige Aktivität
- Die Kontrolle der RIT erfolgte zu früh. Neuere Studien konnten zeigen, dass es längere Zeiträume braucht bis Tg nach einer RIT verschwindet.
- Effekte zeigen sich oftmals erst nach über 10 Jahren.
- Statistische Power dieser Studie ist zu gering, durch die Aufteilung in insgesamt 18 Gruppen, und weil die Ereignisse Rezidiv und Sterblichkeit an Schilddrüsenkrebs sehr gering sind. [Bei einer geringen statistischen Power kann es mit hoher Wahrscheinlichkeit passieren, dass ein Unterschied gesehen wird, den es eigentlich nicht gibt; Fehler 2. Art].
- Sensitivere Tg-Assays sowie Bildgebung über die Jahre.
- Vorbereitung der RIT hat sich geändert: Schilddrüsenunterfunktion vs rhTSH
- [Harald: keine prospektive Randomisierung, wer welche Aktivität bekommt]
Verburg und seine Co-Autoren ziehen auch in Erwägung, dass neuere Studie besser differenzieren, wer für eine niedrigere Aktivität und wer für eine höhere Aktivität in Betracht kommt.
In ihrer Schlussfolgerung konstatieren sie:
- Ein niedrige Aktivität sollte nicht bedenkenlos auf alle Patienten angewendet werden, insbesondere bei älteren, low-risk Patienten müsse man auch die Langzeiteffekte betrachten.
- Ein niedrige Aktivität sei bei älteren, high Riskpatienten nicht zu empfehlen.
Mit Verweis u.a. auf diese Studie wird die Ablehnung der amerikanischen ATA-Leitlinie differenzierter SD-Krebs 2015 durch die europäischen Nuklearmediziner (EANM) begründet:
EANM kritisiert ATA-Leitlinie 2015 zum differenzieren SD-Krebs
Siehe auch:
- ATA (2015): Welche Aktivität von I-131 bei der RIT?
- Studie: älter 55 – Risikoeinteilung des differenzierten SD-Krebs (Nixon 2016)
Viele Grüße
Harald
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