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1.3. Risiken verstehen – Broschüre Knoten

1.3. Risiken verstehen – Broschüre Knoten

| Beitrags-ID: 253016

Broschüre:
Knoten der Schilddrüse und ihre Behandlung
Beobachten oder behandeln/operieren?

Inhaltsverzeichnis
vorangehendes Kapitel: 1.2. Leitlinie und Evidenz.

1.3. Risiken verstehen

In der Medizin gibt es sehr selten Aussagen, dass etwas zu 100% eintritt bzw. nicht eintritt. Selbst bei Krebs gibt es Spontanheilungen, allerdings treten sie wesentlich seltener auf (je nach Krebsart zwischen 0,000.001% und 8%) als zum Beispiel bei einer Erkältung (nahezu 100% nach 10 Tagen). Vielfach müssen auch unterschiedliche Risiken gegeneinander abgewogen werden.

Literatur Tipp:

Herbert Kappauf: Wunder sind möglich: Spontanheilung bei Krebs.
(Kreuz Verlag; 2011)

Wir können Ihnen nur grobe Hilfen geben, worauf Sie bei der Risikoabwägung achten müssen.

Absolute Risiken (Prävalenz) sind Zahlen, die sich darauf beziehen, wie viel Personen einer Gruppe z.B. an dieser Krankheit leiden/sterben oder von dieser Therapie profitieren oder mit Nebenwirkungen zu rechnen haben. So haben unter 100.000 Frauen im Alter zwischen 55-59 Jahren ca. 15 Frauen Schilddrüsenkrebs. Das absolute Risiko eines Schilddrüsenkarzinoms ist in dieser Gruppe ca. 0,0152%.

Betrachtet man jedoch nur Frauen in dieser Altersgruppe, die einen Knoten in der Schilddrüse haben (ca. 42%; siehe Kasten 1. Einleitung), dann ist zwar das relative Risiko in der Gruppe mit Knoten im Vergleich zur Gruppe ohne Knoten mehr als verdoppelt, jedoch ist das absolute Risiko immer noch sehr gering mit ca. 0,036%. Aussagen zum relativen Risiko sagen wenig über das absolute Risiko aus.

Altersspezifische Erkrankungsraten (Prävalenz) nach Geschlecht, Schilddrüsenkrebs in Deutschland 2007– 2008, je 100.000

Zum Vergleich: Brustkrebs, Frauen im Alter 25-29: 8,0;
im Alter 55-59: 283,5; aus Robert Koch-Institut, 2012, S.66 u.102

Um einen Knoten besser beurteilen zu können, ob er gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) ist, gibt es verschiedene diagnostische Methoden. Mithilfe statistischer Methoden wird beschrieben, wie gut eine diagnostische Methode ist.

Diagnostische Methoden/Tests:

Das Testergebnis wird positiv genannt, wenn eine Eigenschaft/ein Wert eine Krankheit anzeigen soll. Liegt die Eigenschaft des Tests nicht vor, so lautet das Testergebnis negativ.

Die Sensitivität drückt dabei aus, wie sicher eine Methode herausfindet, dass z.B. von 100 Patienten mit Schilddrüsenkrebs auch möglichst alle gefunden werden. Findet eine Methode 97 dieser 100 Schilddrüsenkrebspatienten, so hat sie eine Sensitivität von 97%.

Eine diagnostische Methode muss jedoch nicht nur möglichst alle Kranken finden, sondern sollte auch Gesunde nicht unnötig verunsichern oder gar erst durch eine dann folgende Behandlung krank machen. Von 100 Personen, die gesund sind, sollten daher möglichst auch alle 100 ein negatives Ergebnis bekommen. Dies ist jedoch selten der Fall, oft bekommt nur ein Teil ein negatives Ergebnis (z.B. 85) und ein anderer Teil ein falsch positives Ergebnis (15). Die Spezifität in unserem Beispiel ist dann 85%.

Sensitivität und Spezifität sind wichtige Eigenschaften einer/s diagnostischen Methode/Tests, sie sagen jedoch nichts über das individuelle Risiko eines Patienten aus, wenn das Test-Ergebnis positiv ausfällt.

Um das individuelle Risiko einschätzen zu können, wenn ein Test-Ergebnis positiv ausfällt, benötigt man Sensitivität und Spezifität sowie die tatsächliche Prävalenz der Krankheit in der Gruppe, in der sich der Patient befindet (siehe folgendes Beispiel).

In unserem Beispiel bekommen so 14.995+35 = 15.030 Frauen ein positives Testergebnis. Das individuelle Risiko, dass man mit dieser diagnostischen Methode bei einem positiven Testergebnis (=positiver prädiktiver Wert) auch wirklich Schilddrüsenkrebs hat, ist: 35/15.030 =0,23%

Die Sicherheit, dass bei einem negativen Testergebnis (= negativer prädiktiver Wert) man auch sicher kein Schilddrüsenkarzinom hat, ist: 84.969/(84.969+1)=99,99%

Das Risiko, trotz eines negativen Testergebnisses Schilddrüsenkrebs zu haben (1 Frau falsch negativ), ist: 1/(84.969+1)=0,001%

Die selbe diagnostische Methode führt bei einer Prävalenz von z.B. 20% anstelle von 0,036% in einer bestimmten Gruppe zu einem völlig anderen Ergebnis, wie sich leicht selber nachrechnen lässt.

Manchmal hilft die Kombination verschiedener Diagnosemethoden bzw. verschiedener Merkmale, um so zu einer besseren individuellen Risikoabschätzung zu kommen. Manchmal führt jedoch eine zusätzliche Diagnostik nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu mehr falsch positiven Befunden, zu mehr Unsicherheit, so dass ein geringerer Einsatz von diagnostischen Methoden dann besser für den Patienten ist.

Aus diesen Gründen wird in den Leitlinien ein abgestuftes Schema von diagnostischen Methoden empfohlen, um Überdiagnostik und die Gefahr der Verunsicherung des Patienten zu vermeiden, um nicht durch falschen Alarm (falsch positive Ergebnisse) und nachfolgende Therapien mehr Schaden anzurichten, als dem Patienten zu helfen.

Gute Diagnostik ist nicht viel Diagnostik.

Gute Diagnostik ist die richtige Diagnostik zur richtigen Zeit bezogen auf das individuelle Risiko des Patienten.

Literatur Tipp:

Gerd Gigerenzer: Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft (C. Bertelsmann Verlag 2013) amazon

nächstes Kapitel: 2. Funktion der Schilddrüse

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