Für wen und warum von Interesse?
Viele Krebskranke und Angehörige möchten sich gerne selbst einen Überblick über medizinische Studien machen. In Zeiten von künstlicher Intelligenz scheinen ChatGPT und co. einfache Lösungen anzubieten.
In diesem Wiki möchten wir einen kurzen Überblick geben, worauf man achten muss, wenn man man medizinische Studie grob einschätzen möchte, und zeigen auf, dass die Bewertung von Studien überaus komplex ist, und man eben nicht den Ergebnissen von ChatGPG und co. einfach vertrauen darf.
Es gibt dabei vor allem zwei Probleme:
- Es gibt eine Vielzahl von Studien.
- Die Qualität einer Studie lässt sich als medizinischer Laie nur schwer beurteilen. Studie ist nicht gleich Studie. Hier haben sich in letzten Jahrzehnten gewisse Standards herausgebildet, welche eine Studie erfüllen muss, damit danach zu recht behauptet werden kann, dass wir Patienten durch eine Therapie einen Nutzen haben.
Im Internet wird man zudem vielfach mit Behauptungen von schulmedizinischen, komplementären und alternativen und Therapien und Studien konfrontiert, deren Bedeutung und Wahrheitsgehalt schwer einzuschätzen ist.
siehe auch:Wie finde ich seriöse Gesundheits-Informationen?
Wie lassen sich nun medizinische Behauptungen/ medizinische Studien als Laie grob einschätzen?
Leitlinien
Leitlinien geben in spezifischen Situationen Antworten auf medizinische Fragestellungen (typisch sind Ablauf-Diagramme). Für uns Patienten sind Leitlinien sehr wichtig.
Bei der Entwicklung von Leitlinien setzen sich mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtung (und auch Patientenvertreter) zusammen, und versuchen auf Grundlage von qualitativ guten Studien Empfehlungen für eine Behandlung zu erarbeiten. Die Qualität von Leitlinien ist dabei auch recht unterschiedlich.
Mehr Infos, dazu gibt es über die Wiki: Leitlinien und Evidenz
Wird eine Studie in einer Leitlinie aufgeführt, so ist dies schon mal ein wichtiges Kriterium für die Qualität und Bedeutung einer Studie.
Health Technology Assessment (HTA)
Health Technology Assessment (HTA)ist eine Methodik zur systematischen und transparenten Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien unter medizinischen, ökonomischen, juristischen, sozialen und ethischen Aspekten mit dem Ziel, die dazu gehörigen Entscheidungsprozesse zu unterstützen.
Einfach per Video erklärt:
Dieser Film erklärt, wie epidemiologische Forschung funktioniert und warum sie für die klinische Forschung und die Entwicklung neuer Medikamente entscheidend ist.
Video mit Untertitel: https://youtu.be/4Me7CnCDksI
Video mit Audiodeskription: https://youtu.be/Bpswa2BbPc0
BAG-Selbsthilfe: Epidemiologie & Klinische Forschung: Wie Krankheiten entstehen und bekämpft werden
Die Geschichte der HTA ist mit der neuen evidenzbasierten Medizin (EBM) eng verbunden (siehe FAQ-Hilfe: Evidenzbasierte Medizin (EBM) – Was sind patientenrelevante Endpunkte?) Es geht dabei darum Entscheidungen in der Medizin, aufgrund von Studien zu treffen, die die Wirksamkeit einer Therapie/Diagnose zum Wohle des Patienten nachgewiesen haben.
Die erste HTA– Agentur entstand 1982 in Australien, und es folgten weitere u.a. Anfang der 90er Jahre in Großbritannien.
Es gibt mittlerweile eine Reihe von Instituten, die unabhängig versuchen die Qualität von Studien zu überprüfen und entsprechende HTA-Berichte zu verfassen.
Für die gesetzlichen Krankenkassen erarbeitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) HTA-Berichte.
Das IQWiG hat den Auftrag für den Gemeinsamen Bundesausschuss neue Therapien und Diagnose-Methoden bezüglich des Nutzen für den Patienten und der Kosteneffizenz zu überprüfen (§35b (1) und §135 Abs.1 SGB V)
Reviews – Überblickarbeiten zu mehreren Studien – PRISMA-Statement
Überblickarbeiten (Reviews) können auf unterschiedliche Weise erstellt werden und Qualität widerspiegeln. Im Jahr 2009 entwickelte eine internationale Gruppe von erfahrene Autor*innen und Methodiker*inn: PRISMA.
PRISMA ist die Abkürzung für Preferred Reporting Items for Systematic reviews and Meta-Analyses. Und ist eine Empfehlung von internationalen Autor*innen und Methodiker*innen für die Erstellung von qualitäts-gesicherten Überblicksarbeiten (rewiews) und Meta-Analysen.
siehe dazu: Liberati A, et.al. The PRISMA statement for reporting systematic reviews and meta-analyses of studies that evaluate healthcare interventions: explanation and elaboration. BMJ. 2009;339: b270; DOI: 10.1136/bmj.b2700
AMSTAR 2 – AMeaSurement Tool to Assess systematic Reviews – ist ein webbasiertes Tool zur Bewertung von Reviews mit Hilfe von 16 Fragen: https://amstar.ca
Die Cochrane Library erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu einzelnen medizinischen Fragestellungen, die so genannten Cochrane Reviews.Hier der Link zum Deutschen Cochrane Zentrum. Über diesen Link findet man eine Reihe von Erklärungen zu neuen Methoden in der Medizin.
Medizinisch Fachzeitschriften – Impact Factor – Peer-Reviewed
Ein weitere Möglichkeit die Qualität und Bedeutung einer Studie zu beurteilen, ist sich anzuschauen, in welcher medizinischen Fachzeitschrift die Studie erschien.
Der Impact Factor ermittelt wie oft Artikel aus einer Zeitschrift zitiert wird. Pharmaunternehmen und Hersteller von komplementären und alternativen Medikamenten nehme jedoch zum Teil über Werbeanzeigen Einfluss auf Zeitschriften. Auch gibt es regelrechte Zitierzirkel von Ärzten, so dass unter den hier aufgeführten Möglichkeiten, die Qualität und Bedeutung einer Studie zu beurteilen, zu den schwächsten Kriterien gehört.
Es gibt allerdings Fachzeitschriften, die ein sehr hohes Renommee, ein sehr großes Ansehen in der medizinischen Fachöffentlichkeit haben. Diese setzen unabhängige, externe Gutachter ein, bevor ein Artikel in der Zeitschrift erscheint (Peer-Review). Dies ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Wird das Peer-Review nur durch den Herausgeber gemacht, so handelt es sich nicht um ein echtes unabhängiges Peer-Review-Verfahren.
Hier ein Liste von Zeitschriften, die für uns von Bedeutung sind:
Wobei auch zu unterscheiden ist, ob die Studie im Original publiziert wurde, oder lediglich eine Zusammenfassung (Abstract) in einem Kongressband ist.
Bei vorab Vorstellungen von Studienergebnissen als Abstract in Kongressausgaben findet kein Peer-Review statt. Die Qualität der dargestellten Daten und Ergebnisse unterliegen hier nur einer geringen Kontrolle.Internationale allgemeine Zeitschriften
- New England Journal of Medicine (NEJM)
- Journal of the American Medical Association (JAMA)
- The Lancet
- British Medical Journal (BMJ)Fachzeitschriften
- Thyroid – Zeitschrift der American Thyroid Association (ATA)
- Clinical Thyroidology® for the Public Aufbereitung von Studien für die Öffentlichkeit.
- European Thyroid Journal (ETJ) Publikationsorgan der European Thyroid Association (ETA)
- European Journal of Endocrinology (Eur J Endocrinol.) Offizielles Organ der European Society of Endocrinology
- Journal of Nuclear Medicine (JNM oder J Nucl Med)
- Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism (JCEM)
- JOURNAL OF CLINICAL ONCOLOGY der American Society of Clinical Oncology (ASCO)
Aktuell gibt es keine einzige deutschsprachige medizinische Fachzeitschrift, die von internationalem Ansehen ist.
Deutsche allgemeine Zeitschriften Deutsche Ärzteblatt Herausgeber Bundesärztekammer und Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Es ist vor allem auch eine Standeszeitung (nicht zu verwechseln mit der Ärzte Zeitung, in der sehr viel Werbung ist und entsprechend der Einfluss verschiedenster Firmen sehr hoch ist. Da die Zeitung täglich erscheint ist eine Qualitätskontrolle nur schwer zu gewährleisten.)
Deutsche Fachzeitschriften Nuklearmedizin – Organ der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN), der Österreichischen Gesellschaft für Nuklearmedizin und der Schweizerischen Gesellschaft für Nuklearmedizin.
Endokrinologische Zeitschriften der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE):
Raubverlage (Predatory Publishing)
Raubverlage sind Verlage, die Studien veröffentlichen, ohne sie einem ordentlichen Peer-Review-Verfahren zu unterziehen. Das bedeutet z.B. dass die Studien von Autoren „begutachtet“ werden, die keine Ahnung von der Materie haben.
Nach einem Recherche-Verbund von des Magazin der Süddeutschen-Zeitung (SZ-Magazin Nr.90, 20. Juli 2018) und des NDR (siehe ARD: Fake Science – Die Lügenmacher -Mediathek bis 23.7.2019) und der Beall’s List of Predatory Journals and Publishers (gehören zu diesen Raubverlagen, u.a. Omics – Zeitschriften von Omics Journal of Integrative Oncologie Journal of Clinical and Experimental Endocrinology
Die Auflistung von Artikeln in seriösen medizinischen Literatur Datenbanken wie Medline soll zu dem ein Garant sein, dass es sich um keinen Raubverlag handelt. Über die Qualität einer Studie sagt die Auflistung insbesondere in PubMed allerdings nichts aus.
OpenAccess Publikationen (unsicher ob wirkliches Peer-Review stattfindet):
- Molecular Cancer; Herausgeber Biomed Central (BMC) Part of Springer Nature
- Thyroid Research – Open access Fachzeitschrift herausgegeben von Biomed Central (BMC) Part of Springer Nature
- Dove Medical Press ist mal auf der Liste von Raupverlagen, nach Änderungen jedoch wieder entfernt, usw. (Wikipedia; Download 8.10.2018)
Paper Mill (engl. Research paper mill)
Noch betrügerischer sind Unternehmen, so genannte Paper Mill (Wikipedia.de), die gefälschte wissenschaftliche Artikel erstellen und diese in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, meist in Open-Access-Zeitschriften aber auch in großen Verlagen, publizieren. Nach eine Untersuchung mit Hilfe von KI konnte ein hoher Anteil an solchen Publikationen zur Krebsforschung festgestellt werden:
- Scancar B, Byrne JA, Causeur D, Barnett AG. Machine learning based screening of potential paper mill publications in cancer research: methodological and cross sectional study. BMJ. 2026 Jan 29;392:e087581. doi: 10.1136/bmj-2025-087581. PMID: 41611528; PMCID: PMC12853418.
siehe dazu ausführlicher: Forenthema: Studie: Gefälschte wissenschaftlichen Artikel (Paper Mills) in der Krebsforschung (Scancar 2026)
Datenbanken zu medizinischen Publikationen und laufenden klinischen Studien
MEDLINE ist die zentrale medizinische Literaturdatenbank der U.S. National Library of Medicine (NLM) und enthält ausgewählte, qualitätsgeprüfte Fachzeitschriften.
MEDLINE ist Teil von PubMed einer umfangreichen Meta-Datenbank zur Suche von medizinischer Publikationen.
Wichtig: Die Auflistung in PubMed ist kein Qualitätsmerkmal.
MEDLINE is a primary component of PubMed, a literature database developed and maintained by the NLM National Center for Biotechnology Information (NCBI). MEDLINE is the online counterpart to the MEDical Literature Analysis and Retrieval System (MEDLARS) that originated in 1964 (see MEDLINE history). A distinctive feature of MEDLINE is that the records are indexed with NLM Medical Subject Headings (MeSH).
https://www.nlm.nih.gov/medline/medline_overview.html (Download 16.1.2026)
Eine wichtige Datenbank zu laufenden medizinischen Studien ist:
- ClinicalTrials.gov
Betreiber sind das U.S. National Institutes of Health (NIH) und die Food and Drug Administration (FDA).
In ClinicalTrials.gov werden klinische Studien gespeichert, von Ihrer Planung, Rekrutierung (Recruiting) bis zu Ihrem Ende (Completed).
Über ClinicalTrials.gov kann man auch sehen, in welchen Ländern diese Studie durchgeführt wird. - Von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA gibt es das Register euclinicaltrials.eu
Zur besseren Kontrolle von Studien wird gefordert, dass alle Studien in solchen Datenbanken gespeichert werden, weil in der Vergangenheit oft Studien mit negativem Ergebnis, von der Pharmaindustrie still und heimlich zurückgezogen wurden (Withdrawn).
(siehe auch Thema: Register für medizinische Studien gefordert 19.7.2005)
Mit diesen zwei sehr wichtigen Datenbanken, die durch die USA finanziert werden, besteht eine Abhängigkeit zum Zugang von medizinischen Informationen.
Das IQWiG hat daher ein Arbeitspapier erstellt, um zu sehen ob es Alternativen gibt, und ob es Handlungsbedarf gibt: [GA25-07] Sicherstellung wissenschaftlicher Recherchen ohne PubMed und ClinicalTrials.gov
Fazit
IQWIG: Sicherstellung wissenschaftlicher Recherchen ohne PubMed und ClinicalTrials.gov, Arbeitspapier GA25-07, Version 1.0 , 19.12.2025
Die Analyse zeigt deutlich, dass PubMed und ClinicalTrials.gov zentrale Bestandteile der evidenzbasierten Medizin darstellen. Ihr Wegfall oder eine eingeschränkte Verfügbarkeit würde die Informationsbeschaffung von Studien und damit die Informationsversorgung in Deutschland erheblich beeinträchtigen.
Buchempfehlung
Für Ärzte gibt es einen kleinen Band, in dem kurz zusammengefasst wird, worauf sie achten müssen, wenn sie eine Studie lesen.
Konrad Wink: Wie liest und bewertet man eine klinische Studie?
E-Book www.my-bookstore.net
Schattauer; Auflage: 1 (Dezember 2006)
Dieses kleine Büchlein ist vor allem für hausärztlich-praktizierende Mediziner geschrieben, um einen schnellen Überblick über die Auswahl von Publikationen, die Interpretation von Ergebnissen und biometrische Aspekten (Datenanalyse, Streumaße, Signifikantstest) zu bekommen.
Wer sich als Patient einen schnellen kurzen Überblick über die Vielzahl unterschiedlicher Studientypen und ihrer Interpretationen verschaffen will, dem sei dieses Büchlein auch empfohlen.
Als Patient kann man jedoch nicht ein Medizinstudium nachholen, um sich einen Überblick über die Vielzahl von Studien zu verschaffen und diese kritisch auch noch zu bewerten, man ist vielmehr auf gute Leitlinien und Patientenleitlinien angewiesen: Wiki: Leitlinien und Evidenz
Autor: Harald | Arbeitsgruppe: Arbeitsgruppe Website-Überarbeitung | Letzte Aktualisierung: 08.04.2026 von Harald | W-Nummer: 478717