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Individualisierte TSH-Unterdrückung beim differenzierten Schilddrüsenkrebs

Individualisierte TSH-Unterdrückung beim differenzierten Schilddrüsenkrebs

Titelbild der Broschüre: Mit Schilddrüsenhormonen leben!

Dies ist die aktuelle Version der Kapitle 4. Individualisierte TSH-Unterdrückung beim differenzierten Schilddrüsenkrebs unserer Broschüre:

Mit Schilddrüsenhormonen leben!
Ein Ratgeber, was bei der Einnahme von Schilddrüsenhormonen zu beachten ist.

(Inhaltsverzeichnis)

Diese Broschüre sowie anderes Infomaterial ist auch kostenfrei über die Geschäftsstelle zu beziehen.

Alle Kapitel und mehr Informationen können über das Inhaltsverzeichnis gelesen werden.

Fehlende Schilddrüsenhormone ersetzen = Substitution

Für wen ist dieser Beitrag von Interesse?

TSH-Unterdrückung

In der Nachsorge bzw. Nachbehandlung nach Ersttherapie (Operation und Radiojodtherapie) von Patient*innen mit dem differenzierten Schilddrüsenkrebs (papillär, follikulär, onkozytär bzw. Hürthle-Zell) und einem hohen Risiko für ein Rezidiv (z. B. Fernmetastasen) konnte schon vor Jahren gezeigt werden, dass das Risiko für ein Rezidiv sinkt, wenn die Patient*innen mit etwas zu viel Schilddrüsenhormonen behandelt wurden. Die angemessene TSH-Unterdrückung für die einzelnen Risikogruppen ist jedoch weiterhin unbekannt. Auch der eigentliche Wirkmechanismus, der zu einem verringerten Krebswachstum führt, ist noch nicht ganz geklärt. TSH stimuliert Schilddrüsen- bzw. differenzierte Schilddrüsenkrebs-
zellen, Schilddrüsenhormone und Thyreoglobulin (Tg) zu produzieren
(Brabant 2008).

Es gibt allerdings auch einige Studien, die zeigen konnten, dass mit einem Zuviel an Schilddrüsenhormonen sowohl das Risiko für eine Osteoporose als auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt.

Thyreoglobulin (Tg) ist ein Eiweiß, welches nur von Schilddrüsenzellen und differenzierten Schilddrüsenkrebszellen produziert wird. Nach Entfernung der Schilddrüse und der Schilddrüsentumore durch Operation und Radiojodtherapie kann das Tg als Tumormarker des differenzierten Schilddrüsenkrebs genutzt werden. Sind Thyreoglobulin-Antikörper (TAK) vorhanden, so kann der gemessene Tg-Wert verfälscht sein. Der Tg-Wert ist dann für die Nachsorge nur sehr eingeschränkt brauchbar.

Leichte Schilddrüsen-Überfunktion manchmal erwünscht

Bei Patienten mit papillärem oder follikulärem Schilddrüsen-Krebs kann eine leichte Schilddrüsen-Überfunktion (TSH unter 0,1) das Risiko für ein erneutes Auftreten des Schilddrüsen-Krebses verringern.

Dadurch steigt aber auch das Risiko für Herzerkrankungen und Osteoporose.
Die leichte Schilddrüsen-Überfunktion sollten deshalb nur bestimmte Patienten haben.

Das sind Patienten, bei denen noch Zellen mit Schilddrüsen-Krebs nachweisbar sind.

Bei Patienten mit einem hohen Risiko, dass der Schilddrüsen-Krebs wieder zurückkommt, soll die leichte Überfunktion am Anfang der Nachsorge auch eingehalten werden.

Ob und wie lange eine leichte Schilddrüsen-Überfunktion ratsam ist, kann Ihnen Ihr Nachsorgearzt sagen.

ATA-Leitlinie (2015) und S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom (2025)

Achtung:
Die deutsche S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom 2025 folgt zwar im wesentlichen der ATA-Leitlinie 2015, sie macht jedoch zusätzlich differenzierte Aussagen für den Zeitraum von der Operation bzw. Radiojodtherapie bis zur Response-Evaluation nach 6 bis 12 Monaten sowie für den Zeitraum danach. Wobei sie die Risikoabwägung bezüglich der Nebenwirkungen des zuviel an Schilddrüsenhormonen nicht so differenziert macht wie die ATA-Tabelle unten.
Hier geht es direkt zum Kapitel 6.5. Wie sollte der TSH-Wert eingestellt werden im Langzeitverlauf von Patienten mit differenziertem Schilddrüsenkarzinom? in der S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom 2025. Zu beachten ist, dass alle Empfehlungen hier nur Expertenkonsens (EK) sind, weil es keine guten Studien hierfür gibt.

Die Leitlinie der amerikanischen Fachgesellschaft American Thyroid Association (ATA) aus dem Jahr 2015 versucht die unterschiedlichen Risiken für ein Rezidiv sowie einer TSH-Unterdrückung miteinander abzuwägen.

Für Patient*innen, die in der Bildgebung strukturelle oder funktionelle Raumforderungen haben, gilt die Empfehlung weiterhin, dass der TSH-Wert unter 0,1 mU/l sein soll, es sei denn, es gibt spezielle Gegenindikationen. Eine weitere Unterdrückung unter 0,05 mU/l bringt dagegen keine weiteren Vorteile und ist daher nicht notwendig.

Für Patient*innen mit geringem Ausgangsrisiko für ein Rezidiv und mit exzellentem Ansprechen solle gar gleich ein TSH-Zielwert im unteren Referenzbereich angestrebt werden. Beides sind starke Empfehlungen, die auf mittlerem Evidenzniveau beruhen.

Differenzierter betrachtet die ATA die Situation bei Patient*innen mit biochemisch unvollständigem Therapieansprechen (**) und bei denen, die anfänglich ein hohes Rezidivrisiko, jedoch ein exzellentes Therapieansprechen hatten. Letztere sollen bis zu 5 Jahre eine milde TSH-Unterdrückung erhalten und auch weiterhin regelmäßig bezüglich eines möglichen Rezidivs untersucht werden. Dies sind nur schwache Empfehlungen – ebenso wie für Patient*innen, die keine Radiojodtherapie (RJT) erhielten, weil die Studienlage schwach ist.

siehe weiter: Wiki: Risikogruppen nach Operation und Radioiodtherapie

Broschüre: Mit Schilddrüsenhormonen leben! – Inhaltsverzeichnis


Autor: Harald | Arbeitsgruppe: Arbeitsgruppe Schilddrüsenhormonsubstitution | Letzte Aktualisierung: 23.12.2025 von Harald | W-Nummer: 431615

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Alle Kapitel unserer Broschüre erreicht man über das Inhaltsverzeichnis

Mit Schilddrüsenhormonen leben.
Ein Ratgeber, was bei der Einnahme von Schilddrüsenhormonen zu beachten ist.

Über das Inhaltsverzeichnis kommt man zu den einzelnen Kapiteln der Broschüre.


Diese Broschüre sowie anderes Infomaterial werden kostenfrei versandt: Infomaterial.

Berlin, 2020


Autor: Harald | Arbeitsgruppe: Arbeitsgruppe Schilddrüsenhormonsubstitution | Letzte Aktualisierung: 23.12.2025 von Harald | W-Nummer: 431615

Einfach erklärt:

Knoten der Schilddrüse und ihre Behandlung
Beobachten oder behandeln/operieren?
Inhalt dieses Beitrag:

Individualisierte Risikoabwägungen bei der TSH-Unterdrückung
Empfehlungen der amerikanischen Leitlinie für die Langzeitnachsorge von Patient*innen mit dem differenzierten Schilddrüsenkrebs

Ziele der Gabe von Schilddrüsenhormone

Die Gabe von Schilddrüsenhormonen beim differenzierten (papilläre, follikulär) Schilddrüsenkrebs hat zwei Ziele: Erstes Ziel ist den Verlust der Schilddrüse zu ersetzen (=Substitution) und normale Schilddrüsenwerte im Blut zu erreichen. Zweites Ziel ist ein Wachstum von verbliebenen Schilddrüsenzellen bzw. von papillären oder follikulären Schilddrüsenkrebszellen zu verhindern, welches durch das TSH(=Thyroidea stimulierendes Hormon) stimuliert wird.

Beim

medullären

Und

anaplastischen Schilddrüsenkrebs

braucht es keine TSH-Unterdrückung, da das eine von den C-Zellen ausgeht und das andere so entdifferenziert ist, dass sie durch das TSH nicht mehr stimuliert werden können.

In der Nachsorge bzw. Nachbehandlung nach Ersttherapie (Operation und Radioiodtherapie) von Patient*innen mit dem papillären oder dem follikulären Schilddrüsenkrebs und einem hohen Risiko für ein Rezidiv (z. B. Fernmetastasen) konnte schon vor Jahren gezeigt werden, dass wenn die Patient*innen mit etwas zu viel Schilddrüsenhormonen behandelt wurden, das Risiko für ein Rezidiv sinkt. Die angemessene TSH-Unterdrückung für die einzelnen Risikogruppen ist jedoch weiterhin unbekannt.

Es gibt allerdings auch einige Studien, die zeigen konnten, dass mit einem Zuviel an Schilddrüsenhormonen sowohl das Risiko für eine Osteoporose als auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt.

Empfehlungen der Leitlinien

Die Leitlinie der amerikanischen Fachgesellschaft American Thyroid Association (ATA) aus dem Jahr 2015 versucht nun die unterschiedlichen Risiken für ein Rezidiv sowie einer TSH-Unterdrückung miteinander abzuwägen.

Risikogruppen nach erfolgter Radioiodtherapie und Nachbeobachtung von 2 Jahren:

  • Exzellentes Ansprechen der Therapie (Excellent response):
    Unauffällige Bildgebung und Tg-Wert unter TSH-Unterdrückung < 0,2 ng/ml oder TSH-Stimulierter Tg-Wert ist < 1 ng/ml
  • Unbestimmbares Ansprechen (indeterminate response):
    In der Bildgebung nichts krankhaftes zu sehen bzw. schwache Radioiodspeicherung im Schilddrüsenbett. Tg-Wert unter TSH-Unterdrückung >=0,2 ng/ml und <1 ng/ml oder TAK-Werte sind stabil bzw. fallend.
  • Biochemisch unvollständiges Ansprechen (biochemical incomplete response): In der Bildgebung nichts krankhaftes zu sehen und Tg-Wert unter TSH-Unterdrückung ist >=1 ng/ml oder steigende TAK-Werte
  • Strukturell unvollständiges Ansprechen (structural incomplete response)
    In der Bildgebung gibt es strukturelle oder funktionelle Raumforderungen (Aufnahme von Jod in der RIT bzw. FDG in der PET/CT), die einem Schilddrüsenkrebs zuzuordnen sind.

Ausführlich zu diesen neuen Risikogruppen der amerikanischen Leitlinie (2015) siehe Resetbutton nach Operation und Radioiodtherapie (RIT).

Für Patient*innen, die in der Bildgebung strukturelle oder funktionelle Raumforderungen haben, gilt die Empfehlung weiterhin, dass der TSH-Wert unter 0,1 mU/L sein soll, es sei denn, es gibt spezielle Gegenindikationen.

Für Patient*innen mit geringem Ausgangsrisiko für ein Rezidiv und mit exzellentem Ansprechen solle gar gleich ein TSH-Zielwert im unteren Referenzbereich angestrebt werden.
Beides sind starke Empfehlungen, die auf mittlerem Evidenzniveau beruhen.

Differenzierter betrachtet die ATA die Situation bei Patient*innen mit biochemisch unvollständigem Therapieansprechen (**) und bei denen, die anfänglich ein hohes Rezidivrisiko, jedoch ein exzellentes Therapieansprechen hatten. Letztere sollen bis zu 5 Jahre eine milde TSH-Unterdrückung erhalten, und auch weiterhin regelmäßig bezüglich eines möglichen Rezidivs untersucht werden. Dies sind nur schwache Empfehlungen – ebenso wie für Patient*innen, die keine RIT erhielten, weil die Studienlage schwach ist.

Ausführlich die einzelnen Empfehlungen Amerikanischen Leitlinie siehe dazu: ATA (2015): C15 Bedeutung der TSH-Unterdrückung

Die Risikoabwägung kann letztlich jedoch nur von Arzt und Patient*in gemeinsam getroffen werden und muss eventuell auch durch Hilfestellungen durch eine Selbsthilfegruppe oder eines professionellen Psychotherapeut+innen begleitet werden, da das Wissen um die unterschiedlichen Risiken eine psychische Belastung des Patienten sind.

Richtige Einnahme der Schilddrüsenhormone:

Schilddrüsenhormone sollen mit etwas Wasser nüchtern mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück genommen werden. Auch mit Kaffee sollte man mindesten eine halbe Stunde warten, da sonst die Schilddrüsenhormone nicht vollständig aufgenommen werden. Zu beachten ist ferner, dass andere Medikamente gleichfalls die Hormonaufnahme verhindern können. Bei Calcium wird gar ein Abstand von zwei Stunden zur Einnahme der Schilddrüsenhormone empfohlen.

Einige Patienten leiden sehr unter der TSH-Unterdrückung. Eine Linderung der Überfunktions-Beschwerden kann man durch L-Carnitin erreichen, ohne dass dadurch die TSH-Unterdrückung gefährdet ist.
Johanniskraut sollte man hingegen nicht nehmen, da es im Verdacht steht den TSH-Wert zu erhöhen.

siehe auch : FAQ: Häufige Fragen zur Substitution, Medikamenten etc. (Dieser Beitrag gibt eine kurze Übersicht, um mögliche Einnahmefehler zu finden, wenn die Schilddrüsenwerte nicht so sind, wie sie sein sollten bei einer Substitution mit Schilddrüsenhormonen. Manches kann zutreffen, muss aber nicht der Fall sein.)

Studien

Achtung dies ist nur eine Auswahl von Studien. Um evidenzbasierte Aussagen machen zu können, ist es notwendig die Literatur-Datenbanken systematisch zu durchsuchen und in Evidenz-Tabellen auszuwerten. In hochwertigen Leitlinien wird dies gemacht, darum verweisen wir in erster Linie auf Leitlinien und nicht auf einzelne Studien.

  • Cho YY, et al. TSH Cut-Offs and Recurrence Risk in Differentiated Thyroid Carcinomas: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Endocrinol Metab. 2025 Aug 14:dgaf463. doi: 10.1210/clinem/dgaf463. Epub ahead of print. PMID: 40811629.
    Diese Meta-Analyse aus Südkorea untersuchte, ob das Ausmaß der TSH-Suppression nach Operation und Radiojodtherapie das Rezidivrisiko bei Patienten mit differenziertem Schilddrüsenkarzinom (DTC) beeinflusst. Die Auswertung erfolgte stratifiziert nach den Risikokategorien der American Thyroid Association (ATA) sowie nach unterschiedlichen TSH-Grenzwerten (0,1; 0,5 und 2,0 mIU/L). Es wurden 2 randomisierte kontrollierte Studien und 7 Beobachtungsstudien gfeunden. Es wurden dadurch 5.320 Patient*innen in die Meta-Analyse eingeschlossen. Das Rezidivrisiko lag bei 18%.
    Ergebnis: Das Ausmaß der TSH-Suppression hatte keinen signifikanten Einfluss auf das Gesamt-Rezidivrisiko. Nahm eine Studie aus der Analyse heraus, die das Ergebnis wesentlich beeinflusste zeigte sich, dass bei Patient*innen mit Fernmetastasen (vor OP und RJT? Leider nur Abstract frei zugänglich) das Rezidivrisko, wenn der TSH ≥0.1 mIU/L war.
  • Gubbi S, et al J. The Effect of Thyrotropin Suppression on Survival Outcomes in Patients with Differentiated Thyroid Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. Thyroid. 2024 Jun;34(6):674-686. doi: 10.1089/thy.2023.0711. Epub 2024 May 14. PMID: 38717947; PMCID: PMC11295840.
    Diese Meta-Analyse ist frei zugänglich und kommt zum Ergebnis, dass eine TSH-Suppression bei Patient*innen mit intermediärem oder hohem Rezidivrisiko weder das krankheitsfreie noch das Gesamtüberleben verbessert. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko für relevante Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen oder Osteoporose. Es wird betont, dass die Datenlage heterogen und limitiert ist, weshalb weitere große prospektive Studien notwendig sind, bevor ein klarer Nutzen bzw. Nicht-Nutzen der TSH-Suppression in dieser Patientengruppe bestätigt werden kann.

Erklärungen, warum die TSH-Unterdrückung einen Vorteil hat.

Viele Grüße
Harald


Autor: Harald | Arbeitsgruppe: Arbeitsgruppe Schilddrüsenhormonsubstitution | Letzte Aktualisierung: 23.12.2025 von Harald | W-Nummer: 431615

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