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FAQ: Hyperventilation und Alkalose

InSeNSU
Moderator
Basedow, Hypoparathyreoidismus

FAQ: Hyperventilation und Alkalose

| Beitrags-ID: 255861

Hallo,

Wenn man trotz gutem Calciumwert (Gesamtcalcium zwischen 2,1 und 2,3 mmol/l) typische Hypocalciämie-Beschwerden hat, kann unter anderem eine Veränderung im Säuregehalt des Blutes
schuld sein, eine „Alkalose„. Dafür gibt es mehrere mögliche Ursachen.

Der Arzt vermutet in der Regel eine respiratorische (atembedingte) Alkalose. Die ist die Folge von Hyperventilation, das heißt, einer (oft stressbedingte) „Überatmung“, bei der man mehr ein- als ausatmet. Dadurch wird das Blut alkalischer (weniger sauer). Das hat zur Folge, dass das Verhältnis von ionisiertem und gebundenem Calcium im Blut sich verschiebt. Es liegt dann mehr gebundenes Calcium vor als normalerweise. Aber nur das ionisierte Calcium verhindert Symptome wie Kribbeln und Krampfneigung.

Diese Symptome entstehen also hier wegen Mangel an ionisiertem Calcium. Wenn man wieder normal atmet, verschwinden die Symptome mit der Zeit wieder. Das Verhältnis zwischen gebundenem und ionisiertem (aktiven) Calcium normalisiert sich. Man kann das beschleunigen, indem man in die hohlen Hände oder eine Tüte atmet. So wird der Kohlendioxid-Mangel, der Ursache der Alkalose ist, behoben. (Bitte nicht ohne Diagnostik und Übung beim Arzt damit experimentieren!)

Das arterielle (nicht aus der Armvene!) und Kapillarblut (aus dem Ohrläppchen) hat normalerweise einen pH-Wert von 7,33-7,45. Es ist also leicht alkalisch (neutraler pH ist 7, alles darunter ist sauer, darüber alkalisch). Von Alkalose redet man also nur, wenn das Blut alkalischer ist, als normalerweise, nämlich einen pH von über 7,45 hat.

Das normalerweise gemessene Gesamtcalcium im Blut aus der Armvene kann die genannten Prozesse nicht abbilden. Hypocalciämie-Symptome bei normalem Gesamtcalcium kommen oft von einem Mangel an ionisiertem Calcium (was leider kaum jemand mißt bzw. messen kann von den niedergelassenen Ärzten).

Da das normale Verhältnis von gebundenem zu ionisiertem Calcium im Blut rund (!) 50:50 ist, ist klar, dass die kritische Untergrenze vom ionisierten Calcium (ca 1,1 mmol/l) schneller erreicht wird, wenn auch das Gesamtcalcium niedrig ist. Mit einem Gesamtcalcium von 2,5 mmol/l hat man ein ionisiertes Calcium von ca 1,25 mmol/ und somit mehr Spielraum, nach unten. Da muss man schon lange hyperventilieren, um die kritische Grenze von ionisiertem Calcium zu erreichen. Wer allerdings (wie beim Hypopara angestrebt) schon beim Gesamtcalcium an der unteren Normgrenze von 2,1-2,2 mmol/l liegt, bei dem reicht eine leichte Hyperventilation aus, um das ionisierte Calcium (hier 1,05-1,1) unter den kritischen Wert zu schicken!

Das Problem: Angst, Atemenge durch verkrampfte Atemwege, mehr Angst und hektischere Atmung können so eine Spirale nach unten auslösen. Da heißt es für den Hypopara:Cool bleiben, ruhig atmen, egal was ist! Notfalls mit Baldrian oder Ablenkung die Angst lindern, damit so das Ganze sich nicht hochschaukelt!

Meines Erachtens könnte auch vermehrte Atmung beim Sport, insbesondere an der frischen Luft hier mal kurz zu Grenzsituationen führen, wobei allerdings die Laktat-Bildung (Säure) durch Muskelarbeit dagegen steht.

Und schließlich: Durch die Ernährung und Calciumtabletten (oder durch Magensäure-Binder wie Rennie und dergleichen) in zu großen Mengen kann es auch zur Alkalose („Milch-Alkali-Syndrom“) kommen. Das ist dann eine metabolische Alkalose (nicht-atembedingt). Hier kommt begünstigend hinzu, dass die Ausscheidung von Bicarbonat auch durch Parathormon gefördert wird. So kommt es bei PTH-Mangel auch eher zu Bikarbonat-Überschuss,wie auch dieser Text vermerkt:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/4978383

Wie kann man labortechnisch respiratorische von metabolischer Alkalose unterscheiden (also sehen ob der Fehler bei der Atmung oder bei der Ernährung/Calciumzufuhr liegt)? Das sieht man am Bicarbonat (Wert aus der Blutgasanalyse mit Kapillarblut, also aus dem Ohr): Bei respiratorischer Alkalose ist der Bicarbonat-Wert normal bis niedrig. Bei metabolischer Alkalose ist der Bicarbonat-Wert deutlich erhöht!

Wer also als Hypopara meint, fälschlicherweise mit dem „Trost“ „Sie hyperventilieren nur.“ abgespeist zu werden, kann durch eine Bestimmung der Blutgase den Beweis verlangen: pH zu hoch bei niedrigem Bicarbonat heißt, Hyperventilation ist vermutlich gegeben. pH zu hoch bei erhöhtem Bicarbonat bedeutet: Atmung ist nicht Schuld. Man muss dann über Auswahl und Menge des Calciumpräparates, sonstige Medikamente und die Ernährungsgewohnheiten nachdenken.

Leider können neben Klinken das ionisierte Calcium fast nur Nierenfachärzte (Dialyse-Praxis) und die Blutgase fast nur Lungenfachärzte messen.

Es gibt aber etwas, was jeder Hausarzt hilfsweise messen und ausrechnen kann, was auch den Gesamtcalciumwert in ein anderes Licht rücken kann: Das „korrigierte Calcium“.
Da der gebundene Calciumanteil an Eiweiß (vor allem Albumin) gebunden ist, können Veränderungen dieser Eiweißwerte im Blut auch den ionisierten Calciumanteil beeinflussen. Um diesen Fehler aus dem Gesamtcalcium herauszurechnen, muss man zusätzlich zum Calcium das Albumin messen und dann mit einer Formel das korrigierte Calcium berechnen.

Eine gute Erläuterung und die Formel dazu findet man u.a. hier:
http://www.med4you.at/laborbefunde/lbef2/lbef_calcium.htm

Viele Grüße
Frauke


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